Die EXPERTsuisse Jahrestagung 2024 in Bern bot einen eindrucksvollen Einblick in die zukünftigen Herausforderungen und Möglichkeiten, die sich durch die digitale Transformation und künstliche Intelligenz (KI) in den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Steuerwesen und Treuhand ergeben. Mit rund 600 Teilnehmern, darunter Experten, Praktiker und Entscheidungsträger, war die Versammlung ein Schmelztiegel kreativer Ansätze und kritischer Analysen über die Rolle von KI in der modernen Wirtschaft. Das Hauptthema der Tagung, „Künstliche Intelligenz – Werden Wirtschaftsprüfung, Steuerwesen und Treuhand revolutioniert?“, zog renommierte Referentinnen und Referenten an, die ihre Perspektiven auf die Auswirkungen von KI und den damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen teilten. Der Auftakt der Veranstaltung wurde von Bundesrat Beat Jans geprägt, der im Dezember in den Bundesrat gewählt wurde und die Verantwortung für das Justiz- und Polizeidepartement übernommen hat. In seiner Eröffnungsrede betonte er die Bedeutung der unternehmerischen Verantwortung und kündigte die kommenden Herausforderungen für Staat und Wirtschaft an.
Sein Appell war klar: Die Unternehmen müssen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein, wenn sie neue Technologien implementieren. Eine zentrale Botschaft, die sich durch die Diskussionen zog, war die Aussage der Stanford-Professorin Fei-Fei Li, die KI mit der Elektrizität verglich – eine Technologie, die allgegenwärtig sein wird und die Welt verändern wird. Unter den Referierenden herrschte Einigkeit darüber, dass die Herausforderungen, die mit dieser Transformation einhergehen, ernst genommen werden müssen. Die Frage blieb jedoch, wie man mit diesen Veränderungen umgehen soll und wie sich unsere Arbeitswelt dadurch wandeln wird. Sabine Bienefeld, eine Expertin für Arbeits- und Organisationspsychologie, wies auf die Verantwortung hin, die die Experten im Zuge der Digitalisierung übernehmen müssen.
Sie hob hervor, dass eine effektive Kontrolle und ein Verständnis der Prozesse unerlässlich seien, um der möglichen kognitiven Überlastung und den Nachlässigkeiten, die durch den Einsatz von KI entstehen könnten, entgegenzuwirken. Die Punkte, die sie ansprach, wie der Verlust von Kontextwissen und die Zerschlagung von Arbeitsprozessen, zogen große Aufmerksamkeit auf sich und regten zu intensiven Diskussionen an. Ihre Warnungen verdeutlichten, dass die positiven Effekte der KI, wie Effizienzsteigerungen, nicht ohne kritische Überlegungen zur menschlichen Komponente erreicht werden können. Frank Eilers, ein digitales Expertenteam und Verfechter der Optimalnutzung von neuen Technologien, gewährte Einblicke in die Möglichkeiten, die KI für die Wirtschaftsprüfung bieten kann. Er war überzeugt, dass KI menschliche Fehler minimieren und die Effektivität erhöhen kann.
Dennoch sah er die Anpassung der Unternehmenskultur als größte Herausforderung der kommenden Jahre. Eilers warnte davor, dass Wirtschaftsprüfer zwar nicht überflüssig werden, sich ihre Rolle jedoch dramatisch verändern wird. Dieser Gedankenaustausch regte das Plenum zu intensiven Überlegungen über die Zukunft der Berufsgruppen im Angesicht der KI an. In den Podiumsdiskussionen über die Verwendung von KI im Steuerwesen positionierten sich Experten wie Philippe Voirol, stellvertretender Direktor im Bundesamt für Informatik und Telekommunikation, und der Steuerrechts-Professor Xavier Oberson. Sie erörterten die Chancen und Herausforderungen, die KI in diesem Sektor mit sich bringt.
Im Mittelpunkt ihrer Diskussion standen die Zielsetzungen der Verwaltung: Die effiziente und schnelle Analyse von Steuerdaten sowie der Schutz der Privatsphäre. Das Publikum war fasziniert von den neuartigen Möglichkeiten in der Steuerberatung und der Digitalisierung des Steuerwesens. Diese Debatten gaben den Zuhörern neue Erkenntnisse über die Risiken und Chancen der Technologie, die das Steuerwesen revolutionieren könnte. Ein weiteres Highlight der Tagung war das Podium zur KI in der Wirtschaftsprüfung. Hier gab Florian Häller, ein Direktor bei KPMG, wertvolle Einblicke in konkrete Anwendungsbeispiele und Projekte, die bereits umgesetzt wurden.
Die anschließende Diskussion mit Max Schmolke und Alexander Grimm, Co-Founder und CEO von aspaara, stellte das „Wie“ der Digitalisierung in den Vordergrund. Ihre Argumente bezogen sich auf die Wichtigkeit, nicht nur Ideen zu entwickeln, sondern auch konkrete Umsetzungsmöglichkeiten zu finden, um das Potenzial der KI voll auszuschöpfen. Die Diskussion führte zu einem regen Austausch zwischen den Experten, der die Dringlichkeit eines Umdenkens in vielen Wirtschaftsbereichen unterstrich. Kevin Schawinski, CEO von Modulos und Dozent an der ETH Zürich, erweiterte die Diskussion um die Frage, ob Mensch oder Maschine die Kontrolle übernehmen sollte. Er stellte fest, dass die Entwicklung der Technologie noch in den Kinderschuhen steckt und viele der Ängste, die damit einhergehen, unbegründet sind.
Schawinski wies darauf hin, dass geopolitische Faktoren eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von KI spielen und dass die Frage der Kontrolle zwischen den USA und China einem Wettrennen gleicht. Seiner Meinung nach ist eine Regulierung der KI unerlässlich, nicht nur im Hinblick auf den Verbraucherschutz, sondern auch aufgrund strategischer Überlegungen. Am Ende der Tagung resümierte Peter Ritter, Präsident von EXPERTsuisse, die Ergebnisse der Diskussionen und machte deutlich, dass trotz der wachsenden Bedeutung von KI das Expertenwissen und die menschliche Intuition unverzichtbar bleiben werden. Seinen Worten nach ist es die hohe Fachkompetenz der Menschen, die auch in Zeiten der Automatisierung einen entscheidenden Unterschied machen wird. Die Teilnehmer der Tagung verließen den Raum mit einem Gefühl der Dringlichkeit, aber auch mit Optimismus und einer klaren Vision darüber, wie man die entscheidenden Herausforderungen der digitalen Transformation meistern kann.
Insgesamt war die EXPERTsuisse Jahrestagung 2024 in Bern nicht nur eine Plattform für den Austausch von Ideen und Fachwissen, sondern auch ein Forum für die kritische Auseinandersetzung mit den Veränderungen, die durch KI hervorgerufen werden. Die Veranstaltung stellte einmal mehr unter Beweis, dass die Zukunft der Wirtschaftsprüfung, des Steuerwesens und der Treuhand eng mit der Entwicklung und Implementierung neuer Technologien verknüpft ist. Der Weg dahin wird zwar herausfordernd sein, bringt jedoch auch eine Vielzahl von Chancen mit sich, die es zu ergreifen gilt.